Information und Konversation ist nicht dasselbe

Always on? Information und Konversation ist nicht dasselbe

Neue Medien ermöglichen eine höhere Interaktivität mit mehr Menschen, die Kenntnisnahme von Informationen in kürzerer Zeit. Wie wir es an uns selbst täglich erleben, ist die Kapazität an Interaktionen jedoch beschränkt, wir können – selbst, wenn wir es meinen – nicht mehr als auf einen Punkt fokussieren. Verlieren wir uns in der Always on–Mentalität? Begnügen wir uns mit den Headlines? Vernachlässigen wir das gepflegte Gespräch in der realen Welt?

1996 hatte die Pyschologin Sherry Turkle in ihrem Buch «Life on the Screen: Identity in the Age of the Internet» voller Neugier und Begeisterung von den neuen Medien und ihren Chancen zur Erweiterung eigener Identität geschrieben. Mit diesem Buch setzte sie eine wichtige Marke und hatte durchaus Recht – die Ausdrucksmöglichkeiten neuer Medien sind vielfältig und wertvoll. Eine Informationsgesellschaft wie unsere kann erst durch neue Medien bestehen, sie macht uns schneller und effizienter.

Die Medaille hat aber auch eine Kehrseite. Ironischerweise wird die Gegenposition ebenfalls von Sherry Turkle vertreten – 15 Jahre später. Sie hat ihre damalige Einschätzung zu Internet, Blog und virtuellen Identitäten ergänzt mit einer durchaus kritischen Note: Die Kommunikation mit neuen Medien stellt das Medium ins Zentrum und vernachlässigt die Botschaft. Immer öfter ersetzen wir, so Turkle, zwischenmenschliche Interaktionen durch mediale Vermittlungsformen. Dabei gehen einige unwichtige, aber auch ein paar sehr zentrale Merkmale der menschlichen Kommunikation verloren.

Was wir laut sagen, lässt sich nicht korrigieren

Eine Konversation ist mehr als der Inhalt der Botschaften, die wir in einem Gespräch austauschen. Fürchten wir uns davor, eine Konversation zu führen, weil sie nicht redigierbar ist, weil sie sich beim Entstehen bereits wieder verflüchtigt?  Weil sie aber dennoch eine hohe Verbindlichkeit hat, die man nicht zurücknehmen kann? René Magritte hat 1929 (!) mit seinem bekannten Bild einer Tabakpfeife und dem darunter stehenden Satz «ceci n’est pas une pipe» auf ebendiesen Sachverhalt des Unterschieds zwischen der Realität und dem Abbild der Realität hingewiesen.

Wer Medien kompetent zu nutzen weiss, lernt, die Grenzen neuer Medien zu erkennen. Digital Natives (sogenannte Digitale Eingeborene, also Menschen, die nach 1980 zur Welt gekommen sind), für die neue Medien immer schon da gewesen sind, ist nicht einfach vorstellbar, dass ein Leben ohne Facebook, Internet und mobile Kommunikation durchaus möglich ist. Genauso ist es den digital Immigrants («Einwanderer», also Menschen, die vor 1980 geboren wurden) nicht möglich, sich eine Welt ohne Fernseher oder ohne Zeitung vorzustellen.

Es geht jedoch nicht darum, neue Medien aus unserem Alltag zu verbannen. Es muss vielmehr darum gehen, sie auf ihren Mehrwert zu beschränken und die reale Interaktion mit unserer Mitwelt nicht zu vernachlässigen.

Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie einen Kommentar. Oder wünschen Sie ein reales Gespräch?

 

Connected, but alone? TED-Rede von Sherry Turkle

Verwandtes Thema hier auf dem Hallo Zukunft-Blog: «Verblöden wir durch das Internet?»

1 Kommentar

  1. Eine Konversation zu führen in der Regel schöner als sich schriftlich auszutauschen. Dennoch gibt es Fälle, wo es geboten und wichtig ist, Meinungen und Positionen schriftlich festzuhalten. Bekanntlich liest man nichts lieber als seinen eigenen Namen und diesen möglichst in einem positiven Zusammenhang. Darum kann man mit “spitzer Feder” – ob elektronisch oder brieflich – oftmals mehr erreichen als durch Konversation. Es ist also nicht die Furcht vor der Konversion, sondern das Ziel ist entscheidend, ob ich diskutieren oder schreiben will.

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